Home > Allgemein > Praktikum von Carina Galli in der Stiftung Mandacaru
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Carina Galli, eine schweizerische Sozialarbeiterin und Familientherapeutin, hat im August und September 2014 ein sechswöchiges Praktikum in der Stiftung Mandacaru abgeleistet. Lesen Sie hier ihren Erfahrungsbericht.

 

„Es sind Kinder, wie überall auf der Welt: Sie spielen, sind neugierig, freuen sich über Erfolge, wollen Neues lernen. Das einzige, was es braucht, ist ein Raum, in dem sie sich entwickeln können, einen Raum, der es ihnen ermöglicht, in ihrem Tempo und ihren Fähigkeiten entsprechend Erfolge zu erzielen. Diese sind wichtige Antreiber für ein gesundes Selbstwertgefühl und eine gute Prävention gegen all die Versuchungen und Gefahren, denen sie tagtäglich ausgesetzt sind.“ (Carina Galli, Sozialarbeiterin und Familientherapeutin)

Ein Dienstaltersgeschenk vom Kanton ermöglichte mir eine Auszeit von 2 Monaten. Schon lange schwebte mir vor, in Brasilien in den Favelas ein Praktikum zu absolvieren. Mich interessierte, welche Art der Hilfe und Unterstützung hier geboten wurde, wie das Leben in den Comunidades funktioniert, wer hier lebt und wie offen die Menschen sind, einer Praktikantin gegenüber, welche die Sprache nur rudimentär beherrscht.

Geplant war, dass ich 6 Wochen lang die „Papierfabrik“ in Schwung bringe, Papier herstelle, damit Karten und Couverts fabriziere, welche zum Verkauf angeboten werden können. Esquerda, Hauswart und Nachtwächter von Mandacaru, und Isabella Farias, Leiterin der Institution Mandacaru, standen mir für diese Aufgabe zur Seite.

Sie halfen mir am ersten Tag, die Kinder für das sechswöchige Projekt zu gewinnen. Gemeinsam liefen wir durch die Comunidade, klopften an viele Türen und informierten über das Projekt. Für mich war der erste Rundgang durch die Comunidade sehr informativ. Die Leute waren verhalten neugierig und sehr freundlich. Ich war gespannt, wer sich anderntags tagsächlich in der Papierfabrik einfand.

Am kommenden Tag standen die ersten 7 Jungs vor der Türe, alle im Alter zwischen 7 und 15 Jahren. Die älteren wussten bereits, wie Papier hergestellt werden musste (waren früher regelmässige Mitarbeiter der Papierfabrik) und machten sich mit Esquerda daran, alles vorzubereiten. Auch die kleineren Kinder waren mit Begeisterung dabei, als es darum ging, das Papier zu schöpfen. Nach einiger Zeit liess aber die Konzentration nach, die Kinder wurden unruhig und es zog sie nach draussen auf den Vorplatz um Fussball zu spielen.

Im Laufe der ersten Woche wurde mir klar: Ich konnte keinen Kurs anbieten für die Herstellung der Karten und Couverts. Die kleineren Jungs waren „zablig“, konnten kaum mit Schere, Leim und Papier umgehen und die älteren verloren schnell die Geduld, wenn ihnen das Gestalten einer Karte nicht auf Anhieb gelang. So musste ich im Laufe der ersten beiden Wochen mein Projekt umgestalten. Ich merkte, dass die Kinder mit grosser Freude mit Papier, Leim, Pinsel und Farbe selber etwas gestalten. Dies immer
für kurze Zeit, dann ging es zum Fussballspiel und von dort zurück zum „Mal- und Gestaltungsatelier“, wie ich den Raum für mich nannte. Ich konnte ihnen verschiedenen Techniken mit Pinsel, Schere, Farbstift, Neocolor zeigen, sie probierten aus, kamen immer häufiger auf eigene Ideen und freuten sich über ihre Werke.

Zeitweise waren 15 Kinder in meinem Projekt – 15 sehr lebendige, lustige Kinder (bis auf 2, alles Jungs), welche es genossen, zusammen etwas zu unternehmen. Ich stellte fest, dass sie leidenschaftlich gerne spielen, allerdings mussten es Spiele sein, welche ca. 10-15 min dauern. Für all die andern Spiele fehlte es ihnen an der Ruhe. Sie brauchten viel Bewegung und Abwechslung. So lernte ich mit ihnen UNO spielen (und die kleineren Kinder lernten dabei die Farben und Zahlen kennen) und übte mit ihnen das Seilspringen (Koordination). Zudem liebten sie „4 gewinnt“, „Dame“, „Tischfussball“ und ich machte allerlei Ballspiele mit ihnen. Sie waren offen, neugierig, liessen sich auf die Spiele ein und erfanden laufend neue Spiele.

„Das Fussballspielen ist ihre Leidenschaft. Hier zeigen sie vollen Einsatz, auch bei grosser Hitze. Es wird geschrien, gestritten, versöhnt, gekämpft, gelacht, jeden Tag von neuem. Viele Jungs träumen von einer Karriere als Fussballstar und erzählen mir von berühmten Fussballspielern, welche auch in Comunidades aufgewachsen sind. Diese Vorbilder sind für die Kinder wichtig, sie sind „Boten der Hoffnung“, und leben vor, dass es möglich ist, seine Träume zu verwirklichen.“

Ein Ausflug ins Kino war ein grosses Erlebnis. Die Vorbereitung war ziemlich aufwändig, brauchten die Kinder einen Ausweis (einige hatten keinen, die Eltern mussten diesen zuerst erstellen lassen), eine Kopie eines Ausweises eines Elternteils, eine Bewilligung der Eltern, dass sie uns erlauben, mit ihren Kindern ins Kino zu gehen und einen Ausweis von der Schule (damit konnten sie günstiger Bus fahren und erhielten eine Eintrittermässigung). Bis all diese Dokumente beisammen waren, vergingen 2 Wochen. Dank des unermüdlichen Einsatzes von Isabella und Esquerda, welche mit den einzelnen Familien sprachen, war es dann endlich soweit: Alle waren sehr gut angezogen (ihre besten Kleider und Schuhe), einige liessen sich vor dem grossen Tag noch die Haare schneiden und ein Junge durfte die coolen Schuhe des älteren Bruders anziehen (auch wenn diese zwei Nummern zu gross waren) und war mächtig stolz darauf. Im Bus waren die Kinder sehr freundlich, überliessen älteren Personen ihre Sitzplätze. Es kam mir so vor, als wollten sie einen Nachmittag lang so sein, wie alle andern, nicht auffallen, einfach nur dazugehören. Das hat mich sehr berührt.

Dass sich das Kino im grossen Einkaufszentrum Iguatemi befand, war ein weiteres Erlebnis . Nur selten sind die Kinder hier (3 Jungs waren das erste Mal in diesem Zentrum). Rolltreppe fahren war ein Erlebnis, aber auch mit dem Lift von zuunterst bis zuoberst fahren, und wieder zurück nach unten, gefiel den Kindern. Sie machten viele Fotos vor den Filmplakaten, waren aufgeregt, kribbelig und als es dann endlich losging, wurde es sehr still in der hintersten Reihe, in der wir uns platzierten.

Ich habe viel Einblick gewonnen in das Leben in der Comunidade. Mit der Zeit kannten mich die Leute und es kam gelegentlich zu kurzen Gesprächen zwischen uns. Ich fühlte mich nie bedroht, hatte nie Angst in der Comunidade und war beeindruckt vom Leben und der Organisation dort.

„Mir wurde aber auch immer klarer, was die eigentliche Aufgabe von einer Institution wie der Stiftung Mandacaru ist: Die Kinder brauchen Unterstützung und Begleitung, damit sie stark werden oder bleiben können. Sie brauchen eine vertrauensvolle Umgebung, brauchen Gespräche über wichtige Themen (warum es wichtig ist, in die Schule zugehen, über mögliche Berufe, über die Gefahren von Drogenkonsum und –verkauf. Die Familien müssen gestärkt werden (bei Erziehungsfragen, Hilfe bei Fragen betreffend administrativen Angelegenheiten), und es braucht Angebote, bei denen spielend gelernt werden kann, die Kinder Erfolge verbuchen können. Das gibt Selbstvertrauen und spornt an.“

Ein Junge (14 Jahre alt), welcher bereits erste Erfahrungen mit Drogen gesammelt hat, sprach mit mir über die Schwierigkeiten, ein Kind aus der Comunidade zu sein. Im Gespräch war sowohl Resignation, wie auch trotziger Kampf spürbar. Die Metapher von den Steinen auf seinem Lebensweg, welche er auf die Seite räumen muss, hat er auf Facebook aufgenommen und folgendes geschrieben:
Pedras no caminho ? Guardo todas. Um dia vou construir um castelo!

Ein Dankeschön

Ich bin tief beeindruckt über Institutionen wie Mandacaru, welche sich täglich für die Menschen in den Comunidade einsetzen. Dass ich für kurze Zeit Einblick erhalten durfte in die Arbeitsweise, erachte ich als grosses Geschenk. Ich danke allen Mitarbeitern und vor allem allen Kindern, welche mich so gut aufgenommen haben und mir einen so guten Einblick geben konnten in das Leben und Wirken in den Comunidade – trotz meinen eher dürftigen sprachlichen Kenntnissen. Die Sprache war beim Kontakt herstellen keine Barriere für die Kinder. Ihre Neugierde war grösser, und meine vielen sprachlichen Lücken verziehen sie mir grossmütig oder lachten mit mir zusammen darüber. Der Humor und die Lebensfreude der Kinder ist beeindruckend!

„Ich bin allen Privatpersonen und Institutionen dankbar, welche Projekte wie Mandacaru unterstützen, zeitlich (z.B. Praktikum absolvieren), finanziell oder materiell (z.B. mit Büchern, Spielen, Bastelmaterial, Mobiliar). Sie alle tragen ihren Teil dazu bei, dass die Kinder eine Chance bekommen, ihre Träume zu leben, dass ihre Begabungen gefördert und unterstützt werden.“

Carina Galli
carina@galli.ch
www.carina-galli.ch