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Favela Vicente Pinzon II

Livebericht aus dem Armenhaus der Welt

Neun Bundesstaaten im Nordosten mit ihren 50 Millionen Einwohnern machen rund 13 Prozent der brasilianischen Bevölkerung aus – die alle gemeinsam aber nur drei Prozent des Bruttosozialproduktes beitragen. 65 Prozent der Landbevölkerung verdient noch nicht einmal den Mindestlohn und sucht deshalb ihr Glück in den Städten. Auf dem Weg dorthin stranden viele  in einer der rund 80 Armensiedlungen von Fortaleza. Im Strudel von Gewalt, Kriminalität und täglichen Existenzsorgen verlieren diese Menschen ihre sozialen Bindungen. Bei durchschnittlich 4,3 Familienmitgliedern müssen 75 Prozent der Favela-Bewohner mit umgerechnet gerade mal 150 Euro über die Runden kommen. Dabei hat weniger als die Hälfte der Erwachsenen ein regelmäßiges Einkommen, sondern lebt von Gelegenheitsjobs.

Enge, Schmutz, Krankheiten, Bildungskrise

Viele Gebäude in der Favela Vicente Pinzon ähneln mehr einem Verschlag als einem Haus: Aus zusammengeklaubten Resten haben sich die Menschen eine Hütte – meist ohne Kanalisation und fließendes Wasser – gezimmert.Bis zu sechs Personen schlafen in einem Raum. Häufig nächtigen mehrere Kinder in einer Hängematte oder liegen zusammen im Bett. Fast jeder dritte Erwachsene ist Analphabet. Nur die Hälfte von ihnen kann rudimentär lesen und schreiben. Schlechte Ernährung und Krankheiten wie Parasitosen (Krätze, Läuse, Darmwürmer, Sandflohkrankheit) schwächen den Gesundheitszustand der Kinder so weit, dass sie nicht regelmäßig am Schulunterricht teilnehmen können.

Fehlende Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten führen dazu, dass der Drogen- und Alkoholabusus bei Jugendlichen in den letzten Jahren dramatisch angestiegen ist. Dies potenziert die Gewalt, welche Kinder und Jugendliche nicht nur durch Schläge und Misshandlungen, sondern auch durch soziale Ausgrenzung erleben. Erlittene Gewalt führt oft zu selbst ausgeübter Gewalt – der Weg vom Opfer zum Täter ist damit vorgezeichnet. Häufig bringen sich Jugendliche aus nichtigen Gründen gegenseitig um.

Lärm, Gestank und Hitze sind ständig präsent. Da es nur eine Müllabfuhr am Rande der favela gibt, liegt in der Gemeinde überall Abfall und selbst Ratten können tagsüber beobachtet werden. Viele Menschen haben keine Toilette und entledigen sich ihrer Verrichtungen im Hinterhof. Mütter sind meist völlig überfordert. Sie lassen die Kinder tagsüber mit den älteren Geschwistern allein und kommen abends erschöpft von der Arbeit in eine armselige Behausung, ohne Kraft, ihren Kindern die nötige Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken. Viele Kinder erhalten keine regelmäßigen Mahlzeiten. Wenn es Väter gibt, sehen diese die Erziehung der Kinder meist nicht als deren Aufgabe an, es sei denn, sie wollen sich durch Prügel Respekt verschaffen.

Die räumliche Enge begünstigt soziale Bindungen, aber sie fördert auch die Ausbreitung von parasitären und bakteriellen Erkrankungen, wozu die mangelnde Wasserversorgung und die fehlende Kanalisation beitragen. Der Gesundheitsstatus der Bevölkerung ist daher katastrophal. Rund zwei von drei Einwohnern der favela Pinzon II leiden unter parasitären Erkrankungen der Haut – und das schon meist im Säuglingsalter. Sieben Prozent der Babies haben Krätze, mehr als die Hälfte der Kinder Kopfläuse. Besonders tückisch ist die Sandfloh-Krankheit (Tungiasis). Das unscheinbare Insekt gräbt sich unter den Zehennägeln oder der Fußsohle ein und verursacht hier Entzündungen, Geschwüre und Abzesse, die Zehennägel verfor- men und am Ende ausfallen lässt. Im Alter zwischen sieben und neun Jahren sind 73 Prozent der Kinder von dieser Parasitose betroffen. Dazu sind rund 60-80 Prozent der Kinder von Darmwürmern befallen.

In den letzten Jahren verschlechterte sich die Drogen- und Gewaltsituation in der Gemeinde dramatisch. Ein Großteil der Bevölkerung leidet extrem unter dieser verschärften Situation, und einige Gemeindemitglieder sind an die Stiftung herangetreten mit der Bitte, entsprechende Projekte zu realisieren, die diese aktuellen Lebensumstände nachhaltig verbessern.